27.04.2012 – 17.05.2012

Sarah Bernauer (BS)
Anna Lena Grau (D)
Angelika Loderer (A)
'Willi Venus
oder Über Formen'

Vernissage Fr 27.04.2012
ab 19 Uhr
Finissage 17.05.2012
ab 19 Uhr mit Chris Peacock



www.sarahbernauer.com
www.annalenagrau.com
www.angelikaloderer.at


Die Schwarzwaldallee zeigt Arbeiten von Sarah Bernauer (Basel), Anna-Lena Grau (Hamburg) und Angelika Loderer (Wien) in der Versuchsanordnung einer Gruppenausstellung. In den Skulpturen von Loderer wird das Material selbst zum Agent Provocateur, der bei Grau die Zunge einer Kuh sein kann. Wer ursprünglich Schuld an den uns umgebenden Formen hat, können alle sein, ob die Gesellschaft der Maulwürfe oder der Menschen. In den Arbeiten der drei Künstlerinnen werden die Vorgänge beobachtet, als Ereignisse oder deren Hüllen angeeignet und neugesetzt wie neugesehen. Der Arbeitsprozess des bildnerischen (Ab-) Giessen, Befreien und Präsentieren formiert sich in autonomen Skulpturen, genau wie in der surrealen Selbst-Aufführung von Bernauer mit dem Titel „translation plant (birth)“

Salzlecksteine, Anna Lena Grau, 2010

Auf dem Boden in einem Quadratraster angeordnet, liegen die kleinformatigen Skulpturen, jedes ursprünglich ein Quadrat mit einem Hohlstift in der Mitte, in verschiedenen Stadien ihrer Abnutzung. Mit einem Bauern tauschte Sie je einen neuen Salzleckstein gegen einen Benutzten. Diese Geschichte ist anekdotisch, die Verfasstheit der Steine nicht mehr als eine Unterbrechung. Kleine, sanftgeschwungene Skulpturen von der Kuhzunge in die jetzige Form geleckt. Manche der Steine salzen, manche strahlen mattmilchig wie Marmor. Man muss nah herangehen um die Konsistenz in Augenschein zu nehmen. Sieht man sie in der Gruppe, gibt es Regelmässigkeiten der Bearbeitung, man könnte forschen, ihre ursprüngliche Positionierung und Ausgesetztheit rekonstruieren. Die Aufstellung in das Raster eines Feldes legt dabei die Möglichkeit der in die Unendlichkeit weiterführbaren Formdeklination offen, bewusst referiert Anna Lena Grau bei dieser Präsentation auf die incomplete open cubes von Sol LeWitt. Die hier ausgestellten Objekte sind allerdings Ergebnis einer Einwirkung, der keinerlei ästhetische Intention inne war. Sie sind nicht mehr als sie sind. Das „You see is what you see“ - Credo Greenbergs verbindet sich wie selbstverständlich mit dem object trouvée des Pop.

Transformation Plant (Birth), Sarah Bernauer, 2012

Ein ganzes Territorium an Symbolen öffnet der Film „Transformation Plant“ von Sarah Bernauer, ob Performance, Film, Bühnenstück, Videopicture, das Format ist hier die Allegorie, eine Allegorie des Kreislaufs von Leben und Tod. Angelehnt an die pantomimischen Darstellungen der Stummfilmzeit, transformiert sich die Künstlerin in einen Vogeltier. Vor dem Hintergrund einer selbstentworfenen Bühne, die aus dem ästhetische Formvokabular Bernauers besteht, hockt sie auf einem Podest, trash-kultig geschmückt. Mit erst zarten, dann sich erhebenden, ja erhabenen und schliesslich wiederum absinkenden Flügelschlägen vollführt sie drei symbolischen Handlungen. Einer Zeremoniemeisterin gleich beugt sie sich zu der Vase am Fuss des Podests, ergreift je eine der Blumenstengel, führt sie vor ihren Blick und beisst in abrupter Bewegung, als würde sie die Blumenköpfe verschlingen wollen, zu. Nach einem Moment des Innehaltens wird der Blumenkopf wieder ausspuckt.
Der im Loop wiederholte Kreislauf ist mit Versatzteilen der Ikonologie überflutet, die von der Präsenz der Künstlerin zusammengehalten werden. In übersteigerter Theatralität ist es ein Schaustück des Absurden, in der die Künstlerin gleichzeitig Dompteurin wie vorgeführtes Tier ist. Die Möglichkeiten des künstlerisches Handlung werden zur ironischen Kippfigur zwischen Signifikanz und Nihilismus.

Schatterling, Anna Lena Grau, 2010

Der Schatterling setzt sich aus zeitmanipulierenden Eingriffen der Projektion, Verdopplung, Spiegelung und des Loops zusammen. In einer neuen, künstlichen Konstanz der Bewegung tauchen die Schattenformationen auf und ab, bewegen sich den gespiegelten Eckwänden entlang vor und zurück. Die vegetabilen Formationen gehen von einem ornamentalen Formenspiel in das nächste, überlappen sich, schwingen und zittern und üben in der Schlaufe der ständigen Entstehung und Veränderung einen hypnotischen Sog aus. Die Ecksituation drängt die Spiegelung in einen 90° Winkel und legt die Spiegellinien in den Raum. Die dabei substanzlosen Licht/Schattenformationen bewegen sich aus einem mathematischen Nullpunkt, der Spiegellinie, hinaus und hinein. Grau legt die Spiegellinie auf die Kante, an der sich die raumdefinierenden Wände treffen. Der Raum in den sich die bewegten Schatten ausbreiten ist ein Raum potentieller Skulptur, von der Wahrnehmung des Betrachters und den bewegten Schattenformen kreiert, - ein dritter Raum.

Double blind muse with mind spots, Sarah Bernauer, 2012

Ein Fetischgegenstand, abweisend, ästhetisch, und aufgeladen, mit Spuren, die von Symbolen ohne anwesende Referenten sprechen. In dieser Arbeit setzt Sarah Bernauer explizit eine Hommage an Tom Burr, dessen Arbeiten in ihr das Gefühl einer Wahlverwandtschaft wecken. Ganz in Schwarz, mit schwarzen mattglänzend lackierten Stoffteilen behängt, steht der dreiteilige Paravan im Raum. In die schwarzgestrichenen Holzwände der einen Seite sind grafische Symbole geritzt, in klaren Vertiefungen, die das helle Holz der Wand zeigen, wie die Druckplatten eines Holzdrucks. Die andere Seite ist mit vertikal gezogenen Strichen markiert, I, II, III. Zitiert Anke Kempkes in einer Besprechung von Tom Burrs Arbeiten einen Song von Amanda Lear „ this is my alphabet for the children of my generation, .. each generation may find a different mood to their world.“, übersetzt sich das Zitat für Sarah Bernauer einmal mehr. Der Schatz an Kult, Pop, Trash, Kunst, Film, Kultur und Literatur zieht als sprechendes und haltgebendes Form-Material durch Sarah Bernauers Arbeiten. Auch hier und auf Burr fokussiert wandeln sich die zeitgenössischen Einflüsse im Filter ihrer persönlichen Gemütsverfassung in das ästhetisches Objekt eines Paravons, einen Fetisch der moods.

Schüttlöcher, Angelika Loderer, 2012

Angelika Loderer nennt ihr Skulpurenensemble in Anlehnung an Lynda Benglis Arbeiten aus den späten 60er Jahren „Schüttlöcher“. Es sind vom Boden aufstrebende schlangenähnliche Gebilde, organisch und im Gleichgewicht fragil, strecken sie sich gekrümmt in den Raum. Die Oberflächenstruktur ist rau, bröselig mit einer Russpatina umkreist. Die Skulpturen sind in der aufwendigen Technik des Aluminiumgusses entstanden. Ein Spannungsmoment ist der Beginn des bildhauerischen Prozesses. Sie giesst Gips in die Eingänge von Maulwurfgängen, wie lange es fliesst und welche Form der sich verfestigende Gips annehmen wird, ist eine Zufallskonstante. Die Vorläufer: „3 Versuche abwesend anwesend zu sein“ - ebenfalls ausgegossene Maulwurflöcher - lässt die Versuchsanordnung jedes neuen Stücks anklingen. Einerseits erforscht das Material des flüssigen Gipses das Gebilde des Ganges und schmiegt sich an die Hohlform der für uns unsichtbaren Form. Andererseits bleibt es je eine Annäherung, ein Versuch der Übertragung. Auch der Gips hat sein Eigenleben und verändert in dem Zusammenspiel die im Untergrund existierende Form. Die Schüttlöcher sind untypische Arbeiten Angelika Loderers, die sich, in einer Giesserei aufgewachsen, der klassischen bildhauerischen Technik des Giessens meist verweigert.