20.09.2013 – 25.10.2013

Mathias Kaspar
Mathis Vass
'Give me an A!'

Vernissage Fr 20.09.
ab 19 Uhr



www.mathisvass.ch


Achtung, dies ist unsere letzte Ausstellung in den Räumlichkeiten BLG-Areal/Erlenmatt,
ab November sind wir NEU am Voltaplatz/alte Poststelle.


Mathis Vass (*1971 in Zürich, lebt und arbeitet in Basel und Hegenheim) ist der Malerei mit grosser Konsequenz verbunden, er schafft jedoch immer wieder skulpturale Arbeiten, Filme, Fotografien, oder auch Interventionen im öffentlichen Raum, wie kürzlich den ‚shortcut‘, die diagonale Traverse über das Areal der ehemaligen Strafanstalt Schällemätteli.

Die für sein künstlerisches Werk zentrale Werkserie der ‚blow up‘-Bilder erinnert an einen experimentellen Film von Charles und Ray Eames: ‚Powers of Ten‘, von 1977. Es ist die Reise durch die Dimensionen, angefangen beim menschlichen Masstab, extrapoliert in 10-er-Schritten bis zu den in Lichtjahren gemessenen Krümmungen des Weltalls, wo unsere Vorstellung von Zeit und Raum ineinanderfliesst, und zurück im selben Rhythmus bis zu den kleinsten Einheiten, den Quarks.

Auch die ‚blow up‘-Serie handelt von einer Reise zwischen Makro- und Mikrokosmos: Sie thematisiert Vergrösserung, Rasterung, den Blick auf das kleine Detail und dessen Aufgehen in einem neuen Zusammenhang. Es geht um ein Austarieren von Vordergrund und Hintergrund, Zeichnung und Malerei, Fläche und Tiefe, konzeptueller Strenge und malerischer Üppigkeit.
Seine zuerst unabhängig, mit beiden Händen entstehenden Kritzelzeichnungen, die später im Vordergrund seiner Gemälde agieren, entspringen einer Form von ‚écriture automatique‘. Sie oszillieren zwischen Abbildhaftem, Erzählung und zufälliger Spur. Um den Faktor zehn vergrössert, sind sie akribisch genau in Ölfarbe übertragen und geben ein transponiertes Abbild des Kontaktes zwischen Graphitstift und Papieroberfläche auf der Leinwand wider, womit eine eigentliche Fragmentierung einer ursprünglich kontinuierlichen Geste geschieht. Die übertragene, gemalte Zeichnung führt zwar ein Eigenleben im Bild, sie kann räumlich vor der Fläche der Malerei wahrgenommen werden, sie ist aber ebenso auf den Hintergrund bezogen, der mehr ist als dies: es ist die Zone der Entfaltung der Malerei in all ihren Facetten, sei es mit Hilfe einer konzeptuellen ‚Handlungsanleitung‘, welche die Entwicklung eines modulierenden, orthogonalen Farbrasters prägt, oder als Prozess eines malerischen Denkens, der über eine längere Entstehungszeit verschiedene Zustände und Konstellationen organoider Formen beinhalten kann.

Eine Auswahl neuster Arbeiten dieser ‚blow up‘-Serie zeigt Mathis Vass in der Schwarzwaldallee. Das Prinzip der im Masstab 10:1 übertragenen Zeichnungen ist auch in diesen beibehalten, ihr Hintergrund ist jedoch reduzierter, in den Proportionen direkter auf das Format des Bildträgers und auf dessen materielle Eigenschaften bezogen. Dazu kommt eine neue Lust am Experiment, mit dem performativen und auch persönlichen Element des Körperabdruckes, oder der Offenlegung des Malprozesses, wie in ‚blow-up‘ Nr. 100, wo alle Arbeitsschritte gleichwertig und als Ergebnis zu sehen sind: geleimte, grundierte, gemalte und gespachtelte Leinwand, ein diagonal angelegtes Raster und eine Zeichnung, die Kontrastverhältnisse von Figur und Grund untersucht. Schliesslich ‚blow-up‘ Nr. 106, das reduzierteste der ganzen Serie, eine Reflektion über die Grundlagen malerischer und zeichnerischer Mittel, elementar wie der A-Ton der Stimmgabel, auf der ein ganzes Tonsystem aufgebaut ist.

Roland Wetzel, September 2013


Mathias Kaspar *1984 in Sierre, lebt und arbeitet in Basel

Das einzige, was nicht bezweifelt werden kann, sind die inneren Zustände: Das, was vom Ich gefühlt wird, kann von diesem nicht bezweifelt werden – es ist sein eigener innerer Zustand. Diesen inneren Zuständen gegenüber sind die äusseren Erscheinungen der dinglichen Welt jedoch sehr wohl bezweifelbar: Es kann bezweifelt werden, dass das Du etwas in derselben Art wahrnimmt wie das Ich.

A AS ALLEGORY ist eine Arbeit von Mathias Kaspar, die reaktionär zu den 6 von Mathis Vass in der Ausstellung präsentierten Bildern entstanden ist und vielleicht von solchen Problemen handelt. A AS ALLEGORY handelt vom unsagbar Sagbarem, von der Realität und dem Zweifel an ihr.

Mathias Kaspar setzt 8, die Masse 50cm*50cm*50cm betragende, Kartonboxen in den Ausstellungsraum. Sie sind unregelmässig verteilt und scheinen beliebig verschiebbar zu sein. Das sind sie jedoch nicht. Sie sind voll, sie sind schwer. Was tatsächlich in ihnen ist, 1m3 Sand, ist nicht von primärer Bedeutung. Von Bedeutung ist, dass sie ein eigenes Gewicht besitzen, innerlich, und genauso real oder nicht sind, wie die 6 an den Wänden der weissen Kiste hängenden Malereien.
Auf einer der Boxen liegt eine Stimmgabel, ein Instrument mittels dessen die Körper der verschiedenen Dinge der Welt in Schwingung gebracht und somit in ihrer tatsächlichen physischen Präsenz in Zeit und Raum bewusst gemacht werden können. 440hz, das ist die Schwingung des Standard-Kammertones A, nach welchem die von verschiedenen Ichs gespielten Instrumente eines Orchesters aufeinander abgestimmt werden.

A AS ALLEGORY ist eine Übertragung von Gezeigtem auf eine gemeinte Bedeutung, ähnlich der Metapher, die eine Wortübertragung ist, bei der ein uneigentlicher Ausdruck den eigentlichen Ausdruck ersetzt.

Lorenz Wiederkehr
für Schwarzwaldallee